Stress als Statussymbol

Kennen Sie das? Man fragt jemanden harmlos: „Wie geht’s?“ und die Antwort klingt wie die Anmeldung zu einer Meisterschaft im Dauerstress: „Frag nicht! Überstunden, Termine, ich weiß gar nicht, wo mir der Kopf steht!“ Keine Frage: Manch einer hat zwischen Beruf, Familie und Ehrenamt tatsächlich einiges zu leisten. Aber meistens klagen diejenigen, die wirklich viel anzubinden haben, am wenigsten über ihre Belastung. Andere hingegen betonen bei jeder Gelegenheit ihr Beschäftigtsein, als würden sie sich für eine Stress-Olympiade bewerben wollen. Es wird mit den Augenringen geprotzt, um die eigene Wichtigkeit ins Schaufenster zu stellen.

Früher war das anders. Ein barocker Fürst hätte sich im Traum nicht damit gebrüstet, wie viele Überstunden er schiebt oder wie voll sein Terminkalender ist. Blasse Haut und weiche Hände waren schick, weil sie bewiesen: Ich habe es nicht nötig, mich abzurackern. Auch wer einmal in die erste Schöpfungsgeschichte der Bibel im Buch Genesis schaut, der findet dort einen genialen Kontrapunkt: Gott segnet den siebten Tag nicht, weil er da besonders produktiv war, sondern weil er ruhte.

Wenn Sie demnächst gefragt werden, wie es Ihnen geht: Betonen Sie doch mal nicht, wie beschäftigt Sie sind. Sagen Sie doch mal mutig und mit eine

m Lächeln: „Wunderbar. Ich plane, im Urlaub tagelang absolut gar nichts zu tun.“ Wir müssen unsere Wichtigkeit nicht durch ständiges Beschäftigtsein beweisen. 

Gönnen Sie sich das fürstliche, ja das göttliche Nichtstun.

Eine herrlich unproduktive, gesegnete Ferienzeit!

Kaplan Lukas Hennecke