Rissige Fassaden

Glauben Sie sich eigentlich selbst, wenn Sie auf die Frage nach Ihrem Wohlbefinden mit „alles gut“ antworten? Wir haben gelernt, die Fassung zu wahren – selbst dann, wenn es in uns ganz anders aussieht. Besonders Jugendliche pflegen oft eine harte Schale, wie mir auf unserem zurückliegenden Firmlings-Wochenende deutlich wurde. Aufbruch, Energie, Rebellion – klar gab es davon reichlich, wie meine Augenringe nach nächtlichen Ruhestörungen bezeugen. Doch all das ist häufig nur die Oberfläche. Wenn die Fassade Risse bekommt und echte Gespräche entstehen, lässt sich erahnen, wie es im Inneren eines jungen Menschen wirklich aussieht.

Ist also wirklich „alles gut“? Was bei Jugendlichen so deutlich zutage tritt, betrifft alle Generationen: Wir sehen die äußeren Reaktionen eines Menschen – und formen schnell ein Bild über seine inneren Motivationen und Absichten. Dabei gehört es doch zum Christsein, die Perspektive zu wechseln und dem anderen zunächst gute Beweggründe zu unterstellen. Vielleicht ist der Nachbar nicht bösartig, sondern zutiefst einsam; die Kollegin nicht schnippisch, sondern völlig überfordert; und der Autofahrer nicht rücksichtslos, sondern in Panik auf dem Weg ins Krankenhaus. Können wir hinter dem Verhalten eines Menschen eine verborgene Not statt einer bösen Absicht vermuten?

Gerade in unseren Kirchorten scheint das besonders wichtig zu sein. Viel zu oft hört man ein abfälliges „die da“ – über andere Familien, Gruppen und Gremien. Dabei ist es doch meist so: „Die da“ hatten eine gute Absicht, als sie etwas gesagt, organisiert oder entschieden haben. Wie wäre es, wenn wir diese gute Absicht in unserer Gemeinde zur Grundannahme machen würden? Dann wäre häufig wirklich: „Alles gut!“. 

Kaplan Lukas Hennecke