Die Jugend bilden, die Armen unterstützen und nach Kräften Not lindern

Chronik, Dank & Segen dem Wingeröder Schwesternkonvent

Kurz nach dem Ersten Weltkrieg wendete sich Pfarrer Bierschenk an den Konvent der Heiligenstädter Schulschwestern mit der Bitte, in Wingerode eine Schwesternstation zu eröffnen. Die Witwe des 1916 gefallenen Clemens Berger war es, die das „ansehnliche Bauernhaus mit Toreinfahrt“ stiftete und so das Fundament schuf, auf dem der am 3. August 1920 gegründete Ordensschwesternkonvent sein Wirken in Wingerode begann. Das Haus und die darin entstehende Kapelle erhielten den Namen des heiligen Clemens. Die Oberin und Handarbeitsschwester Theresia, ihre Mitschwestern Nicola und Theotrudis als Krankenschwester und Kindergärtnerin begannen sofort mit ihrem Dienst. In der Krankenstation fanden sich sofort Bedürftige ein. Zugleich begannen die Schwestern eine Kinderbetreuung zu entwickeln. 1921 entsteht eine Handarbeitsschule. Mit dem Dienst an den Kranken, Kindern und Lernbedürftigen wurden die Schwestern zu festen Stützen des dörflichen und familiären Lebens. Dadurch erhielten sie sofort auch Hilfen in allen Lebensbereichen. Der Kindergartenbau, die Bestellung des eigenen Gartens gelangen, weil „alle“ im Dorf mitmachten. Die Pfarrgemeinde aber auch die personelle Unterstützung durch die Mitschwestern in Heiligenstadt waren feste Säulen dabei.

„Früchte reifen in der Leine, Kinder reifen in der Liebe“ – der Kindergarten war der Motor des Schwesternhauses. 1938 kamen täglich 85 Kinder in das erweiterte Schwesternhaus. Am 1. Februar 1941 übernahm die „Nationalsozialistische Volkswohlfahrt“ den Kinder-garten. Nach der Befreiung von den Nationalsozialisten durch amerikanische Soldaten konnte ab 2. April 1945 der Kindergarten wieder in kirchlicher Trägerschaft arbeiten. Bereits in diesen Tagen kümmerten sich die Schwestern um die in Wingerode angekommenen Flüchtlingskinder. Der Dienst in der Krankenstation, zum Teil durch praktizierende Ärzte ergänzt, aber auch die Sorge um die Kleinsten lagen den Schwestern besonders am Herzen. Da der Kindergarten nur Kinder ab drei Jahren aufnahm, entstand 1954 die erste „Krabbelstube“. In der Zeit des katholischen Aufbruchs um das Zweite Vatikanische Konzil (1962 - 65) brachten sich die Ordensschwestern auf vielfältigste Weise in das kirchliche Leben ein: ob Theaterabende mit Jugendlichen oder Nähkurs in Hundeshagen, Kochkurse im eigenen Haus oder Singstunden zum neuen Kirchen-gesangbuch, Paramentengruppe oder Pfarrgemeinderat, Sternsingeraktion oder Nikolaus für Kinder. Auch wenn der Nikolaus damals – so die Chronik – noch mit einer Rute drohte, zeichnete sonst die pädagogische als auch medizinisch-pflegerische Arbeit eine hohe Qualität aus. Weiterbildungen gehörten dazu und ein enger Kontakt zu den staatlichen Behörden. Dennoch übergab der Orden 1987 die Leitung des Kindergartens, der auf 54 Kinder ausgelegt war, an die Kirchengemeinde. Frau Heidenblut hat diese Aufgabe bis 2021 übernommen.

Zumeist waren über die Jahre drei Ordensschwestern im Haus, 1998 zogen die Schwestern des Leinfelder Konvents hinzu. Im Jahr 2006 wurde dann der Konvent der Ordensschwestern in Wingerode nach Heiligenstadt verlegt. Es blieb Schwester Ferdinanda, die seit 1982 dem Konvent in Wingerode angehörte. Als Krankenschwester leitete sie viele Jahre die Caritas-Sozialstation in Heilgenstadt. Bis heute begleitet sie MitarbeiterInnen von Pflegediensten im Qualitätsmanagement. Über viele Jahre arbeitete sie im Caritas-Pflegedienst Heiligenstadt, gehörte mit zum Initiativkreis des Aufbaus eines Hospizdienstes. Ihre betriebswirtschaftliche Erfahrung brachte Sie zusammen mit Pfarrer Dr. Gerhard Marx auch in die Übernahme von Verwaltungsarbeiten des Kindergartens ein.
Unendlich die Besuche, Begegnungen und Gottesdienste, in denen sie präsent war.

Am 15. Juli 2023 wurde mit der Übertragung des „Allerheiligsten“ in die Ortskirche die Clemenskapelle als Gottesdienstort geschlossen. Im August zieht Schwester Ferdinanda in eine Schwesterngemeinschaft nach Heiligenstadt. Pfarrer Marx hatte schon 2006 bemerkt: „Wer weist mit seinem Leben, mit seinem Zeugnis auf das Zukünftige hin?“
Mit der Schließung des Schwesternhauses endet zweifelsohne eine 102jährige Geschichte, die der Kirchort und das Dorf Wingerode aber auch die Pfarrei Leinefelde voller Dankbarkeit in Erinnerungen behalten sollte. Ein Relief des heiligen Bischof Clemens wird auf Zukunft in der Kirche an die segensreiche Zeit erinnern.

Eine Ära geht zu Ende, doch Ihr Erbe blüht: Die große Leistung der Schwestern ist ihre programmatische Verlässlichkeit. Von Anfang an haben sie auf den Kindergarten und die pflegerische Sorge von Bedürftigen gesetzt. Diese Bausteine haben die Ordensschwestern in den Mittelpunkt gestellt, auf der Höhe der Zeit bearbeitet und Personal herangezogen, die diese Dienste in die Zukunft tragen. Sie gehen, aber ihr Erbe lebt im Kindergarten und in den caritativen Pflegediensten. Im Hochamt am 16. Juli 2023 haben sich die Heiligenstädter Schulschwestern verabschiedet und die Wingeröder Dorfgemeinde hat Dank gesagt und Segen erbeten.
In der Chronik wird oft erwähnt, dass die Schwestern „lieben Besuch“ begrüßen durften. Als Pfarrei und Kirchort, Kindergarten und Gottesdienstgemeinschaft möchten wir zurückgeben: Liebe Schwestern – Ihr seid für uns immer ein „liebster Besuch“

Dank & Segen
Pfarrer Gregor Arndt